Ich bin 21 Jahre und mit Jugendlichen aus der ganzen Welt befinde ich mich bei einer Ausgrabung im alten Samarkand. Sehr früh morgens sind wir losgezogen, denn gegen 11 Uhr wird es langsam zu heiss zum Arbeiten draußen in der Wüste und dann kehren wir bis ca. 16 Uhr ins Hotel zurück.
Als wir zurückkommen und gerade geduscht sind, steht der KGB vor der Tür. Typisch Wessi nehmen wir das gar nicht so ernst und sind eher belustigt, dass sich jemand als “KGB” vorstellt. Dann müssen wir uns auf dem Flur mit Pässen versammeln und dann werden uns die Pässe weggenommen. Diskussion stand bei denen eher nicht auf dem Lehrplan.
Was ist passiert?
Wir begreifen es gar nicht wirklich.
Morgen soll der Föderationsvertrag zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken unterschrieben werden. Der letzte Versuch von Michail Gorbatchow dieses vielfältige Land zusammenzuhalten nachdem er Glasnost und Perestroika ins Land brachte vor 6 Jahren. Die Kommunistische Linke der KPdSU fühlte sich ideologisch hintergangen und sammelte nun viele Menschen mit denen sie in Moskau an diesem Tag dann den Putsch versuchte.
Wir saßen in unserem Hotel in Samarkand vor dem Fernseher ohne Pässe und alles, was wir mitbekamen war entweder Info vom KGB, von Freunden oder wir sahen es unter unseren Hotelfenstern.
Im Fernsehen wurde das Programm geändert und es gab nur noch Militäraufmärsche zu sehen. Die Putschisten übernahmen die Macht für einige Tage und versuchten das riesige Land unter Kontrolle zu bringen in dem sie z.B. die Uhren im ganzen Land auf Moskauzeit umstellen liesen (wie zu Stalins Zeiten, wurde uns gesagt) und eben auch das Fernsehen zentralisiert wurde. Jetzt ging die Sonne halt mittags unter. Aber letztendlich ist es egal, ob die Sonne laut offizieller Uhrzeit um 1 Uhr nachts aufgeht oder eben um 5 Uhr.
An diesem Tag sahen wir riesige Aufmärsche von Soldaten und Panzern in der Stadt. Usbekistan hat eine Grenze mit Afghanistan und was hier passierte war einfach nur ein Potenzgebahren. Ich bin froh, dass ich eine sehr unbeschwerte 21-jährige war, denn so konnte ich mich aufregen über das was ich sah, konnte Wut und Coolness im Wechsel ausleben, aber für Angst hatte ich überhaupt keine Zeit und Angst habe ich auch bis dahin nie kennengelernt. Mit meinem absolutistischen, westlichen Friedensbewegungsgehabe, diskutierte ich also jeden, der Willens war in Grund und Boden.
Einige Tage später bekamen wir unsere Päße zurück, konnten die Rückreise antreten und hatten eine grandiose Abschiedspartie ohne je gewußt zu haben, was wirklich passiert war. Das haben wir alle wohl erst begriffen, als wir zuhause waren und unabhängige Nachrichten gelesen haben.
In der Folge übernahm Boris Jelzin immer weiter die Macht in der UdSSR und Ende des Jahres wurde die Auflösung der Sowjetunion beschlossen.
